Hans Darmstadt
Kirchenmusik - Komponist - Dozent - Organist
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Blankeneser Chorheft I
Inhalt:
Ich habe den Herren allezeit vor Augen (Psalm 16,8-11), Introitus zum 2. Osterfeiertag für Chor, Orgel und Gemeinde (4); Christ ist erstanden (8); Es wolle Gott uns gnädig sein (10); Herzlich lieb hab ich dich, o Herr (12); Introitus – Kyrie – Gloria (ein Modell) für Chor, Orgel und Gemeinde (13); Ja, sollte Gott gesagt haben (1. Mose 3), Alttestamentliche Lesung für Flüsterchor (17); Das Vaterunser für vierstimmig gemischten Chor und Gemeinde (18); Zwei Gottesdienstmodelle (20); Anmerkungen (22)
Blankeneser Orgelheft I
Inhalt:
Heilger Geist, du Tröster mein, 3 Strophen (4); Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod, Partita in fünf Teilen (6); Kleines Orgelstück (12); Es wolle Gott uns gnädig sein, Choralvorspiel (15); Nun freut euch, lieben Christ Gmein, Choralinvention (18); Kleines Orgelstück (20); Du großer Schmerzensmann, Choralmeditation (24); Ich steh an deiner Krippen hier, Choraltrio (29)
Blankeneser Orgelheft II
Inhalt:
Es ist das Heil uns kommen her, Choralvorspielstudie (4); Nun bitten wir den Heiligen Geist, Choralvorspiel- und Begleitsatzstudie (7); Da Jesus an dem Kreuze stund, Partita in sieben Teilen (10); Ein Modell für Orgel und improvisierende Gemeinde (Chor) (18); Schmücke dich, o liebe Seele, Choraldialog für Orgel und selbstbespieltes Tonband (oder zwei Orgeln) (21)
Fünfzehn Klangstein-Sentenzen
Bei der Konzeption der Fünfzehn Klangstein-Sentenzen habe ich nach unterschiedlichen Mitteln und Wegen gesucht, die Steinklänge in einen unverwechselbaren Zusammenhang mit den vorgegebenen Predigttexten zu bringen. Dazu war es notwendig, in jedem Einzelfall mit einer „musikalischen“ Textanalyse zu beginnen, d.h., ich habe die Texte auf ihre Form und Proportionen, auf ihre dramaturgischen und gestischen Spannungsverläufe, auf ihren Sprachrhythmus, die Ereignisdichte, visuelle und auditive Anknüpfungspunkte etc. untersucht und eine Position zu ihren Aussagen bezogen. Die Sentenzen können dabei durchaus in Spannung stehen zu den Aussagen des Predigers in der Hoffnung, dass sie das gottesdienstliche Erleben bereichern.
In der Bezeichnung "Sentenz" treffen sich Äußeres und Inneres, Verstehen und Empfinden, Kürze und Prägnanz.
Es werden verschiedene Varianten angeboten:
- Stücke ("Solo"), die neben, bzw. unabhängig von der dazugehörigen Lesung zu spielen sind (1,2,3,5,8,10,14,15);
- Stücke, die gleichzeitig, bzw. in Verbindung mit der dazugehörigen Lesung zu spielen sind (4,6,7,9,11,12,13);
- Stücke, bei denen der Spieler auch szenisch in Erscheinung tritt (2,7,11);
- Stücke, die eine zusätzliche Klangquelle und eine gute Lautsprecheranlage voraussetzen (3,10,15)
- Stücke, bei denen der Lektor/die Lektorin in der musikalischen Aktion mitwirkt (4,6,11,13).
Einigen Klangstein-Sentenzen sind Notationen beigefügt, wenn die verbalen Angaben einer Ergänzung bedürfen (9,10,12).
Die Fünfzehn Klangstein-Sentenzen beziehen sich auf die 15 Sonntagsgottesdienste, bzw. deren jeweilige Predigttexte in Sankt Martin Kassel während der documenta12. Darüber hinaus aber wollen sie auch als ein Zyklus mit einem vielfältigen Beziehungsgeflecht in musikalischer, szenischer und theologischer Hinsicht verstanden werden.
Übersicht:
Klangstein-Sentenz I / Mk 4,21-25 – Solo
Entwicklung einer variablen musikalischen Form aus der Analyse der Textelemente
Klangstein-Sentenz II / Gn 3,1-6 – Solo, mit szenischen Aktionen
Ein musikalisch-szenisches Spiel von Leben und Tod um den Klangstein herum
Klangstein-Sentenz III / Joh 20,11-18 – Solo, mit selbstbespieltem Tonband/CD
Stationen einer inneren Wandlung: horchen – ansichtig werden – verkündigen
Klangstein-Sentenz IV / I Joh 3,1-2 – Unisono
Musik und Sprache I: Wie können Steine den Worten gleich sein?
Klangstein-Sentenz V / Dt 6,4-5 – Solo
Musik und Sprache II: Aus dem Sprachmaterial werden Tempi, Rhythmen, Gesten, Phrasen und Zäsuren abgeleitet
und zu einer musikalischen Form zusammengefügt.
Klangstein-Sentenz VI / Apg 9,1-19 – Modell für Lesung und Klangsteine
Musik und Sprache III: Eigenständiges Miteinander, Dialog
Klangstein-Sentenz VII / Dn 5,25-28 – Drei Graffitti, die Lesung unterbrechend
Die Konsonanten der aramäischen Inschrift MN (mené) – TQL (teqél) – PRS (u-parsîn) werden sicht- und hörbar in die Klangsteinfläche gehämmert.
Klangstein-Sentenz VIII / Apg 7,54-59 – Solo
Täter und Opfer. Zwei gegenläufige Klangprozesse vor und hinter den Klangsteinen
Klangstein-Sentenz IX / Ex 3,1-6 – Vier Momente, in die Lesung einbrechend
Gottesbegegnung I: Diminutionen des Namens Gottes JHWH
Klangstein-Sentenz X / Nm 22,21-35 – Solo
Gottesbegegnung II: Kommentare zu einer komplizierten Dreiecksbeziehung, mit Bachchoral
Klangstein-Sentenz XI / I Sm 3,1-19 – Illustrationen, auch szenisch
Gottesbegegnung III: Samuels Berufung
Klangstein-Sentenz XII / Lk 18,9-14 – Praeludium - Szene I/II - Postludium
ER – Dieser – Jener
Klangstein-Sentenz XIII / Js 35,3-6 – Drei improvisierte Versetti, in die Lesung eingeschoben
Liturgische Alternatim-Praxis von gelesenen und gespielten Versen
Klangstein-Sentenz XIV / Mt 1,18-25 – Solo
Konzeption aus der Analyse der Textanlage
Klangstein-Sentenz XV / Hbr 12,1-3 – Toccata solo
Stichworte der Lesung liefern das Material für ein vitales Berühren, Schlagen, Spielen der Klangsteine
Ante Portas
Aus dem Vorwort der Partitur:
Die vorliegenden fünf Sätze für Violoncello und Orgel, 1978 entstanden für den Karfreitagsgottesdienst (mit Lesungen aus der Bibel und dem Tibetanischen Totenbuch, sowie Chorälen von Johann Sebastian Bach), meditieren jene fünf Phasen des Sterbens, die der Theologe Albert Mauder (Die Kunst des Sterbens, vgl. auch E. Kübler-Ross Interviews mit Sterbenden) so umschreibt:
| I | tiefes Erschrecken |
| II | leidenschaftlicher Widerspruch |
| III | Selbsttäuschung |
| IV | Resignation, Trauer des Abschiednehmers, Todesangst |
| V | stille Bereitschaft und Annahme des Todes |
„... darum hoffe ich noch“
Text (Textzusammenstellung: Pastor Horst Steffen):
I (Baß – Chor – Klavier – Orgel / Psalm 118,1-4)
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun Israel: Seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun das Haus Aaron: Seine Güte währet ewiglich.
Es sagen nun, die den Herrn fürchten: Seine Güte währet ewiglich.
Sela. Amen.
II (Alt – Klavier – Orgel / Klagelieder Jeremias 3)
Ich bin der Mann, der Elend sehen muß durch die Rute des Grimmes Gottes.
Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.
Er hat mich ummauert, daß ich nicht heraus kann,
und hat mich in harte Fesseln gelegt.
Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.
Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht.
Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!
Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's.
Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch.
III (Chor – Klavier – Orgel / Psalm 118,15-17)
Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte es Herrn behält den Sieg!
Die Rechte des Herrn ist erhöht; die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.
IV (Sopran – Baß – Klavier – Orgel / 2. Korinther 6)
Siehe, jetzt ist die angenehme Zeit, / siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und wir geben niemand irgendein Ärgernis, auf das unser Amt nicht verlästert werde;
sondern in allen Dingen erweisen wir uns als Diener Gottes:
in großer Geduld, in Trübsalen, / in Nöten, in Ängsten,
in Schlägen, in Gefängnissen, / in Aufruhren, in Mühen,
in Wachen, in Fasten, / in Keuschheit, in Erkenntnis,
in Langmut, in Freundlichkeit, / in dem heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes,
durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
durch Ehre und Schande, / durch böse Gerüchte und gute Gerüchte;
als die Verführer, und doch wahrhaftig; / als die Unbekannten, und doch bekannt;
als die Sterbenden, und siehe wir leben; / als die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; / als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die nichts haben, und doch alles haben.
V (Soli – Chor – Klavier – Orgel / Psalm 118,24-29)
Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein.
O Herr, hilf! O Herr, laß wohlgelingen!
Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herren!
Wir segnen euch, die ihr vom Hause des Herrn seid. Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
Halleluja. Des solln wir alle froh sein / Christ will unser Trost sein. / Kyrieleis.
In me transierunt
Lat. und dt. Text (Psalm 87 Vulgata und 88 Luther):
In me transierunt irae tuae
er terrores tui conturbaverunt me.
Cor meum conturbatum est,
dereliquit me virtus mea.
Dolor meus in conspectu meo semper.
Ne derelinquas me,
Domine Deus meus,
ne discesseris a me.
Herr, ich rufe dich an täglich;
ich breite meine Hände aus zu dir.
Ich bin elend und ohnmächtig,
daß ich so verstoßen bin.
(Dein Grimm geht über mich)
und deine Schrecken vernichten mich.
Mein Herz erbebt,
meine Kraft hat mich verlassen.
Denn ich bin zu Leiden gemacht,
und mein Schmerz ist immer vor mir.
Verlaß mich nicht,
Herr, mein Gott,
sei nicht ferne von mir.
Amen.
Kommentar:
Lassos Motette In me transierunt muß schon seinen Zeitgenossen als herausragend und beispielhaft erschienen sein. Jedenfalls hat Joachim Burmeister 1606 das Werk gründlich auf seine musikalische Rhetorik hin untersucht. Lasso gelingt in der Zusammenschau der niederländisch-flämisch kontrapunktischen Tradition vor den Umbrüchen des beginnenden 17. Jahrhunderts eine faszinierende, überzeitliche Ausgewogenheit musikalischer und sprachlicher, textbezogener Inhalte, deren Kenntnis und Verständnis einem kleinen Kreis Eingeweihter vorbehalten blieb. [vgl. den Text von J. Müller-Blattau in seiner Ausgabe Musica Reservata I, BA 2641]
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mehr und mehr mit Versuchen, Tradition in das „Eigene“ einzulassen. In einer Reihe verschiedener Kompositionen nimmt diese Motette sicher insofern eine extreme Position ein, als sie ein in sich geschlossenes Werk vollständig integriert. Dabei ist es natürlich aufregend, was an den Rändern geschieht, wie das Alte sich ankündigt, Gestalt annimmt und wieder aufgesogen wird. Ich bin bei meinen ersten Konzeptionen nicht von der Lasso-Motette ausgegangen, sie drängte sich vielmehr während der Arbeit auf; sie war zu einer Herausforderung besonderer Art geworden.
So sehr der bewußte, reflektierte Umgang mit Tradition das zu zerstören im Begriff ist, was bewahrt und neu belebt werden soll, so ist es doch lebensnotwendig, Geschehenes, Geschichtetes durchsichtig zu machen. So möchte ich „Komposition“ nicht verstehen als fortschreitende Materialanhäufung, sondern als Versuch, unser Selbst transparent, durchlässig werden zu lassen, nicht zuletzt für unsere Geschichte – die nachvollziehbare und die verborgene, bzw. nur geahnte. (1985)
Domine audivi
Lat. Text (mit deutscher Übersetzung):
Domine audivi auditionem tuam
et timui.
Viderunt te et doluerunt montes
gurges aquarum transiit
dedit abyssus vocem suam
altitudo manus suas levavit.
Audivi et conturbatus est venter meus
ad vocem contremuerunt labia mea.
Ecce lignum crucis
venite adoremus. Amen.
Herr, ich habe deine Kunde gehört,
und ich erschrecke.
Die Berge sahen dich und ihnen ward bange,
der Wasserstrom fuhr dahin,
die Tiefe ließ sich hören,
die Höhe hob die Hände auf.
Sonne und Mond standen still.
Weil ich solches höre, bebt mein Leib
und meine Lippen zittern von dem Geschrei. [aus Habakuk 3]
(aus der Karfreitagsliturgie)
Hodie Christus natus est: Kyrie eleison
Text:
I Männerstimmen (Magnificat-Antiphon)
Hodie Christus natus est, / hodie Salvator apparuit.
Großer Chor (aus Lukas 2)
Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde. Und diese Schätzung war die allererste, und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte ich auf auch Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth in das jüdische Land zu der Stadt Davids, die da heißet Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war.
Kleiner Chor (Choralsatz von Michael Praetorius)
Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart, /
wie uns die Alten sungen: / von Jesse kam die Art.
II Chor I/II alternatim (Liturgie)
Kyrie eleison – Christe eleison – Kyrie eleison
Sprecher (aus Römer 8)
Denn das ängstliche Harren der Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich noch immerdar. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst sehnen uns nach der Kindschaft und warten auf unseres Leibes Erlösung. Denn wir sind wohl gerettet, doch auf Hoffnung.
III Männerstimmen (Magnificat-Antiphon)
Hodie in terra canunt Angeli, / laetantur Archangeli.
Chor I (aus Lukas 2)
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
Chor II (Liturgie)
Kyrie eleison – Christe eleison – Kyrie eleison
Choral (3. Str. Allein Gott in der Höh sei Ehr)
O Jesu Christ, Sohn eingeborn / deines himmlischen Vaters,
Versöhner der', die warn verlorn, / du Stiller unsers Haders.
Lamm Gottes, heilger Herr und Gott, / nimm an die Bitt von unsrer Not,
erbarm dich unser aller.
Der 126. Psalm
Text:
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens sein
und unsere Zunge voll Rühmens.
Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen / und tragen edlen Samen
und kommen mit Freuden / und bringen ihre Garben.
Kommentar:
Luthers Übersetzung des 126. Psalms ist unübertrefflich: Der Sprachrhythmus, der Stabreim und die Klangfarbe der Vokale allein sind schon Musik. Stutzig macht der Gebrauch unterschiedlicher Zeiten: Futur in den ersten, Perfekt im 4. Satz. Vor- und nachexilische Glaubenserfahrungen scheinen verwirrend ineinanderzugreifen.
In wissenschaftlichen Kommentaren wird darauf hingewiesen, daß im Hebräischen das Futur und das Imperfekt der Verben die gleiche Form verwenden (was ein faszinierendes Licht auf das Geschichtsverständnis der Israeliten wirft), und daß in der Tat die ersten drei Sätze des Psalms wohl als Imperfekt gemeint sind. Die englische King-James-Version lautet z.B., dem deutschen Sprachklang zwar eng verwandt, aber eben in der Vergangenheitsform: „When the Lord turned again the captivity of Zion, we were like them that dream ...“
Der Psalm stammt also sicher aus der nachexilischen Zeit und verbindet die Erinnerung an die Erfahrung aus der babylonischen Gefangenschaft mit der Bitte, Jahwe möge sein Heilswerk vollenden und sein Volk nicht nur aus der äußeren Gefangenschaft erlösen.
Wenn wir Luthers Übersetzung dennoch nicht aufgeben mögen, dann ist das eine theologische Entscheidung. Der Text bekommt so eine prophetische Aussage, nimmt uns, unsere Welt, bzw. Gottes von uns geknechtete und gefangene Schöpfung mit hinein in die
Hoffnung auf Umkehr und Erlösung.
Die Einbeziehung der alten Schütz-Motette in die musikalische Sprache unserer Zeit mag als Sinnbild für dieses theologische Anliegen verstanden werden. (1988)
„... mit unaussprechlichem Seufzen“ (Apokalyptische Szene)
Texte (Textzusammenstellung: Pastor Horst Steffen):
I. VISIONEN
Die Elemente der Welt riefen in einem wilden Schrei: „Wir können nicht mehr laufen und unsre Bahn vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit.“
Nun sind alle Winde voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so daß die Menschen nicht einmal mehr recht ihren Mund aufzumachen wagen. Auch welkte die grünende Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer eigenen Lust folgen sie und lärmen: „Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?“ [Hildegrad von Bingen, 1098-1179, Causae et curae, zit. n. H. Schipperges, Piper, 161 f.]
Mir träumte, ich müßte Abschied nehmen
von allen Dingen, die mich umstellt haben
und ihren Schatten werfen: die vielen besitzanzeigenden
Fürwörter. Abschied vom Invertar, dieser Liste
diverser Fundsachen. Abschied
von den ermüdenden Düften,
den Gerüchen, mich wachzuhalten, von der Süße,
der Bitternis, vom Sauren an sich
und von der hitzigen Schärfe des Pfefferkorns.
Abschied vom Ticktack der Zeit, vom Ärger am Montag,
dem schäbigen Mittwochsgewinn, vom Sonntag
und dessen Tücke, sobald Langeweile Platz nimmt.
Abschied von allen Terminen: was zukünftig fällig sein soll. [Günter Grass, geb. 1927, aus: Die Rättin, 1986 Darmstad/Neuwied]
Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf gen Himmel und schwur bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darinnen ist, und die Erde und was darinnen ist, und das Meer und was darinnen ist, daß hinfort keine Zeit mehr sein soll. [Apokalypsis Johannis 10,5-6]
II. SARABAND
Der schnellen tage traum,
Der leichten jahre schaum
Zerschlägt sich an der schwartzen bahr
Eh wir die zeit erkenn't;
Wir dringen durch die welt,
(Die, weil sie wächst, zerfällt,)
Nach längst erblasster völcker schaar.
Wir, die wir stets voll noth,
Schwach, siech und lebend-todt. [Andreas Gryphius, 1616-1664, Verlangen nach den ewigen hügeln, 1. Satz, Werke Bd. 3, Darmstadt 1961]
III. LAMENTO
Mir träumte, ich müßte von jeder Idee, ob tot
oder lebend geboren, vom Sinn, der den Sinn
hinterm Sinn sucht,
und von der Dauerläuferin Hoffnung auch
mich verabschieden. Abschied von dem Zinseszins
der gesparten Wut, vom Erlös gespeicherter Träume,
von allem, was auf Papier steht, erinnert zum Gleichnis,
als Roß und Reiter Denkmal wurde. Abschied
von allen Bildern, die sich der Mensch gemacht hat.
Abschied vom Lied, dem gereimten Jammer, Abschied
von den geflochtenen Stimmen, vom Jubel sechschörig,
dem Eifer der Instrumente,
von Gott und Bach. [Grünter Grass, a.a.O.]
... mit unaussprechlichem Seufzen ... [Römer 8,26 / Zitat aus der Bach, Motette BWV 226]
Meine Singe ist leer
Schreien gähnt
Schreien weitet
Brüllt gähnen weitet
Ich herbe Du
Ich herbe deinen Hauch
Ich singe Deine Augen
Dein Schreiten sehnt mein Ohr
Ich lechze Duft die Stunden
Du bist mein Sehnen
Du bist Dein Schreiten, Deine Augen, Dein Gebet.
Dein Lachen betet
Dein Plaudern betet
Dein Auge betet
Mein Sehnen fernt Dein Beten Schrei
Ich
ferne Du [Kurt Schwitters, 1887-1947, Du, 9. Gedicht, 1918]
Wenn wir in höchsten Nöten sein / und wissen nicht, wo aus noch ein / und finden weder Hilf noch Rat, / ob wir gleich sorgen früh und spat, / so ist dies unser Trost al- [Choral, Paul Eber 1566 nach dem lat. In tenebris des Joachim Camerarius 1546]
Es war einmal ein Mädchen, das hieß Tulla und hatte eine reine Kinderstirn. Aber nichts ist rein. Auch der Schnee ist nicht rein. Keine Jungfrau ist rein. Selbst das Schwein ist nicht rein. Der Teufel nie ganz rein. Kein Tönchen steigt rein. Jede Geige weiß es. Jeder Stein klirrt es. Jedes Messer schält es: auch die Kartoffel ist nicht rein: sie hat Augen, die müssen gestochen werden.
Aber das Salz ist rein! Nichts, auch das Salz ist nicht rein. Nur auf Tüten steht: Salz ist rein. Lagert doch ab. Was lagert mit? Wird doch gewaschen. Nichts wäscht sich rein. Doch die Grundstoffe: rein? Sind steril, doch nicht rein. Die Idee, die bleibt rein. Selbst anfangs nicht rein. Jesus Christus nicht rein. Marx Engels nicht rein. Die Asche nicht rein. Und die Hostie nicht rein. Kein Gedanke hält rein. Auch die Kunst blüht nicht rein. Und die Sonne hat Flecken. Alle Genien menstruieren. Auf dem Schmerz schwimmt Gelächter. Tief im Brüllen hockt Schweigen. In den Ecken lehnen Zirkel. – [Günter Grass, aus: Hundejahre, 1963]
Kommentar:
„Apokalyptik und ihre Weltuntergangs- und Welterneuerungsvorstellungen entstehen angesichts einer grundlegenden Krise, angesichts radikaler Bedrohung der politischen und religiösen Identität. Mit geliehenen, keineswegs nur gelogenen Autoritäten der Urzeit ... wird versucht, Vertrauen in Gott und den Geschichtsprozess zurückzugewinnen, eine Gesamtperspektive zu finden, die den Weltlauf deuten und das Weltende enthüllen kann – trotz, mit und gegen die Erfahrung.“ [Gerhard Marcel Martin, Weltuntergang, Stuttgart 1984]
Apokalypse hat ihre Ursprünge in den Tiefenschichten der menschlichen Seele, sie redet aber von Zukünftigem und zielt dabei auf die Gegenwart. Zeit wird zurückgeholt und vorweggenommen, angehalten; Zeiten werden überlagert.
Die Texte des Stückes – von biblischen Quellen über Hildegard von Bingen, Andreas Gryphius, Kurt Schwitters bis zu Günter Grass – durchbrechenn unser Denken in Epochen, Jahrhunderten und Jahrtausenden; sie reden in ihrer je eigenen Sprache, doch gleichzeitig zeitlos.
Musik ist die menschliche Äußerung, die in kontrapunktischer Gleichzeitigkeit verschiedene gestische, emotionale, sprachliche, räumliche und zeitliche Ausdrucksformen zusammenschauen, bzw. -hören kann. In drei Abschnitten der Apokalyptischen Szene (Visionen – Saraband – Lamento) werden Zeitproportionen zu Formproportionen und umgekehrt, wobei die Verhältnisse 5:4:6 in der Tempo-, Takt- und Formgestaltung besonders offenliegen. (1990)
Terribilis est locus iste
Lat. Text (mit deutscher Übersetzung):
Terribilis est locus iste:
hic domus Dei est et porta caeli:
et vocabitur aula Dei.
Alleluia, alleluia.
Quam dilecta tabernacula tua
Domine virtutum!
Concupiscit et deficit anima mea
in atria Domini.
Alleluia.
Adorabo ad templum sanctum tuum:
et confitebor nomini tuo.
(Introitus zur Kirchweih)
Schrecklich ist dieser Ort:
Hier ist Gottes Haus, die Pforte des Himmels:
sein Name ist Wohnung Gottes. (Gen. 28,17)
Wie lieblich sind deine Wohnungen,
Herr der Heerscharen!
Es verlangte und sehnte sich meine Seele
nach den Vorhöfen des Herrn. (Ps 84,2+3)
Ich will anbeten vor deinem heiligen Tempel
und will deinen Namen preisen. (Ps 138,2)
Aufstellung:
Chor und Schlagzeug I: Orgelempore (mit Dirigent)
Posaune I: Nordempore, Posaune II: gegenüber (Süd)
Bariton: Altarraum Mitte
Schlagzeug II: Chorkirche (Ost)
Instrumente:
2 Tenor-Baß-Posaunen
Schlagzeug I: Kleine Trommel, 2 Bongos, 3 Tomtoms, 3 Becken
Schlagzeug II: 2 Congas, 1 tiefes Tamtam
...lapides clamabunt
Lat. Text (Lukas 19,37-40, mit deutscher Übersetzung)
Und –
Et cum adpropinquaret iam
ad descensum montis Oliveti
coeperunt omnes turbae discentium
gaudentes laudare Deum voce magna
super omnibus quas viderant virtutibus
dicentes
benedictus qui venit ,
rex in nomine Domini
pax in caelo et gloria in excelsis
Und –
Et quiquam pharisaeorum de turbis
dixerunt ad illum
magister increpa discipulos tuos
quibus ipse ait
dico vobis
quia si hil tacuerint
lapides clamabunt
Und da er nahe hinzukam
und zog den Ölberg herab,
fing an der ganze Haufe seiner Jünger
fröhlich Gott zu loben mit lauter Stimme
über alle Taten, die sie gesehen hatten,
und sprachen:
Gelobet sei, der da kommt,
ein König, im Namen des Herrn!
Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
Und etliche Pharisäer im Volk
sprachen zu ihm
Meister, strafe doch deine Jünger!
Er antwortete und sprach zu ihnen:
Ich sage euch,
Wo diese werden schweigen,
so werden die Steine schreien.
Information:
Die Klangstein-Skulptur wurden im Bachjahr 2000 von dem schweizer Künstler Arthur Schneiter geschaffen. Das von der Wintershall AG gestiftete Kunstwerk / Musikinstrument erinnert an Bachs Orgelabnahme 1736 in St. Martin Kassel.
Die Klangstein-Skulptur besteht aus 16 vierkantigen, längsgeschnittenen Steinen aus Serpentin von 160 bis 260 cm Länge mit einem Durchmesser von 9,5 bis 11 cm, die ineinem 250 cm hohen Eisengestell übereinander gelagert sind.
Die Steine sind nicht gestimmt, ergeben keine Skala. Aber jeder Stein hat eine Fülle von Teil- und Differenztönen, die sich in verschiedenen Mischungen und mit verschiedenen „Werkzeugen“ abrufen lassen.
CD Stimmen und Steine (Die Klangsteine der Martinskirche)
(Foto: D. Schwerdtle, Kassel, Gestaltung: atelier grotesk, Kassel)
Inhalt:
| 1 | Introitus, Klangstein-Improvisation |
| 2 - 4 | Konrad Lechner: Kleine Salzburger Messe für Chor a cappella (1968) |
| 5 - 8 | Klingende Steine I (Demonstrationen/Improvisationen) |
| 9 - 11 | „Verleih uns Frieden gnädiglich“, Improvisation Orgel/Steine (11.09.2001) |
| 12 - 15 | Klingende Steine II (Demonstrationen/Improvisationen) |
| 16 | Hans Darmstadt: „... lapides clamabunt“ |
| 17 | Steingeläut, Klangstein-Improvisation |
Ausführende: Mechthild Seitz (Sologesang), Vocalensemble Kassel (Leitung: Hans Darmstadt), Olaf Pyras (Klangsteine), Hans Darmstadt (Orgel, Klangsteine)
Preis: € 10,00 (kann angefordert werden)
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