Hans Darmstadt
Kirchenmusik - Komponist - Dozent - Organist
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Phil 2,6-11
für drei gleiche Stimmen und die Klangsteine der Martinskirche Kassel (2002/03)
(Stücke für Stimmen und Steine, Nr. 2)
Text:
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Textkomposition:
| Er, der / war / | |
| A | Gott gleich / selbst / |
| den Menschen gleich / als Mensch / | |
| B | Er / ihn / Gott / ihm / |
| Jesu / Jesus Christus der Herr / | |
| zur Ehre Gottes, des Vaters | |
| C | in göttlicher Gestalt / für einen Raub / |
| Knechtsgestalt / der Erscheinung nach / | |
| bis zum Tode / zum Tode am Kreuz / | |
| D | den Namen / über alle Namen / in dem Namen / |
| aller derer Knie / | |
| im Himmel und auf Erden und unter der Erde / | |
| alle Zungen | |
| E | hielt es nicht / zu sein / |
| entäußerte sich / nahm an / ward / erkannt / | |
| F | erniedrigte sich selbst / ward gehorsam / |
| hat erhöht / | |
| G | hat gegeben / der ist / sich beugen sollen / |
| die sind / bekennen sollen / ist | |
| H | sondern / und / und / |
| und / ja / darum / auch / | |
| und / dass / und | |
| dass |
Kommentar:
Der Philipper-Hymnus beschreibt eine kreisende Bewegung: Er, der war, ist und kommt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchkreuzen einander.
Die Textkomposition bezieht jedes Wort des Luthertextes ein, verliert keines, stellt aber um; bündelt Aussagen, Beschreibungen, Verben und Bindewörter. Der großartige Text mag so einer „Vertonung“ entgehen, die durch ihre Linearität der Ganzheit der christologischen Zusammenschau kaum gerecht werden könnte.
Die musikalische Komposition greift auf die Idee des Proportionskanons aus dem 15. Jahrhundert zurück. Die gewählten Proportionen sind: Erste und zweite Stimme stehen im Verhältnis von 6 : 7 (Viertel MM 54 / 63), zweite und dritte im Verhältnis von 7 : 8 (Viertel MM 63 / 72). Dadurch, dass kurz vor dem Einsatz der dritten Stimme die erste noch einmal mit den Kanontönen beginnt (Viertel MM 81, zum Beginn im Verhältnis 2 : 3, zur dritten Stimme im Verhältnis 9 : 8), ergibt sich ein „perspektivischer“ Verlauf des Kanons von 6 : 7 : 9 : 8. Der Text – zuvor scheinbar zerstückelt – fügt sich durch die Gleichzeitigkeit der
Stimmen von selbst wieder zusammen.
Dem zyklischen Verlauf des Kanons wird eine Tangente angelegt: Klänge und Töne der Steine setzen so ein, dass sie etwa an dem Punkt des „Goldenen Schnitts“ im Krebs zu ihrem Beginn zurückkehren. (2004)
Kyrie der Missa hebraica (1998/99)
Text (kursiv gedruckte Texte werden hebräisch gesungen):
A. Ensemble (S.A.T.B)
Ich stehe auf
B. Lamento – Ensemble (SSSS.AAAA)
Niemand weiss, ob der Weltenraum blutet
mit blitzenden Stigmata
an seiner unsterblichen Not
und das Herz zu Tode drückt ...
in der Gemeinde
C. Ensemble (Solist, S.A.T.B)
Aufgerissen ist die Zeit,
diese Wunde vor Gott! [Nelly Sachs, aus: Die Stunde zu Endor. Alle Rechte bei Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main. Verwendung und Abdruck des Textabschnittes mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamps Verlages.]
und schreie
Kommentar:
Das Kyrie verwendet – wie auch die anderen Sätze der Missa hebraica – das Ordinarium der abendländischen Messe gleichsam als Folie, setzt dieses voraus, ohne es zu zitieren. Der Text ist ein Halbsatz aus Hiob 30 in hebräischer Sprache und besteht nur aus drei Worten: qamttî - baqqahal - ’ašawwea´; wörtlich übersetzt: ich bin aufgestanden – in der Gemeinde – ich schreie.
Diese drei Worte konstituieren die dreiteilige Kyrie-Form, dazu einige Stichworte:
- aufbegehrend, Auf-stand, unvermittelt, schroff, starr, ver-rückt;
- Interpolation eines Textes von Nelly Sachs (entsprechend dem “Christe” im traditionellen Kyrie), ein achtstimmiger Sprechkanon von Sopran und Alt geht in einen (solistisch) gesungenen Part über;
- Überdimensionaler Impuls von mehr als drei Minuten Dauer, bis ans Äußerste gespannt, Grenzerfahrung, aus-halten.
Verhallt der Schrei? Hiob bäumt sich dagegen auf. Sein Schrei hat eine Antwort (“Gott”) und einen Raum, der ausgefüllt ist (“in der Gemeinde”). Seine Hoffnung: Sein Schrei geht nicht verloren, erschöpft und verausgabet sich nicht ins Leere ...(1999)
Gloria der Missa hebraica (1999)
Text (kursiv gedruckte Texte werden hebräisch gesungen):
I. Ensemble (SSS.AAA.TT.BB)
Laßt uns jauchzen / und laßt uns freuen / in dir, (CC 1,4)
laßt uns preisen / deine Liebe / mehr als Wein.
Schadaj / nicht erreichen wir ihn, (Hb 37,23)
der so groß ist von Kraft.
Bariton-Solo (Duett)
der Hass eine schwarze Sonne
verdunkelt das Antlitz Gottes. [Ellie Wiesel; Osloer Erklärung gegen den Haß, In: Den Frieden Feiern, Freiburg/Br. 1991]
Sopran-Solo (Duett)
vergiss nicht
es gibt ja
das Licht! [Rose Ausländer, Sag nicht II, in: Hinter allen Worten, Frankfurt/Main 1992]
II. Ensemble (SS.AA.TT.BB)
Wie lieb / deine Wohnungen, (Ps 84,2+3a)
Herr Zebaoth!
Es hat sich gesehnt / und auch es schmachtet
meine (ganze) Person /
im Blick auf die Vorhöfe / des Herrn.
Solo-Duett und Ensemble (BBB)
Ich (gehöre) meinem Geliebten / (CC 7,11)
und auf mich hin / sein Trieb.
Siehe du / schön / meine Freundin, (CC 1,15)
siehe du / schön
... mein Herz / und mein Fleisch ... (Ps 84,3b)
Ensemble (SSSS.A.T.B) und Bariton
... freuen sich in dem lebendigen Gott (Ps 84,3c)
Mein Gott / ich rufe tags / (Ps 22,3)
doch du antwortest nicht,
und nachts /
und nicht stillschweigen für mich,
du aber heilig.
Um gegen seinen Willen etwas zu fordern,
gibt es nur ein Mittel: Ihn loben. [Elie Wiesel, Jom Kippur, Tag ohne Versöhnung, in: Gesang der Toten, Freiburg/Br. 1987)]
Das Losungswort
heisst
Liebe [Rose Ausländer, Rad / aus Wolkenerz, in: Ich Spiele noch, Frankfurt/Main 1991]
III. Ensemble (SSS.BBB)
Sie halten alle Schwerter (CC 3,8)
wegen des Schreckens in den Nächten.
“motetus” (AA.TT)
Ist nicht Herrschaft und Schrecken bei ihm, (Hb 25,2)
der Frieden macht in seinen Höhen?
“dialogus” (S.A.T.B)
Wende weg (du Frau) / deine Augen von mir, (CC 6,5)
sie erschrecken mich.
Der das Auge gemacht hat, (Ps 94,9b)
sollte der nicht sehen?
“aria” (S.A.T.B)
(Du bist) ein verschlossener Garten / (CC 4,12)
meine Schwester / Braut,
eine verschlossene Quelle /
eine Quelle versiegelt
Sopran-Solo
Denn bei dir / ist die Quelle (Ps 36,10)
des Lebens.
Bariton-Solo
Jedes Wesen hat teil
an dem erneuerten Geheimnis
der Schöpfung [Elie Wiesel, Testament eines Juden aus Saragossa, in: Gesang der Toten, Freiburg/Br. 1987]
IV. Ensemble (SSS.AAA)
Dann ward ich / in seinen Augen (CC 8,10)
wie eine Gefundene / des Heils.
Bariton-Solo
nimm
diese Wirklichkeit
Wunder [Rose Ausländer, Wunder II, in: Hinter allen Worten, Frankfurt/Main 1992]
V. Ensemble (SSS.AAA.TTT.BBB)
Ich weiss / mein Erlöser lebt. (Hb 29,25)
Ich werde schauen Gott /
ich werde schauen für mich /
und meine Augen sehen:
und nicht ein Fremder.
Bariton-Solo
Friede ist Illusion.
Aber die Sehnsucht nach Frieden
ist keine Illusion. [Elie Wiesel, Krieg und Frieden - Illusion und Realität; in: Den Frieden feiern, Freiburg/Br. 1991]
Sopran-Solo
Und Wiesen gibt es noch
und Bäume und
Sonnenuntergänge
und
Meer
und Sterne
und das Wort
und das Lied
und Menschen
und [Rose Ausländer: Und, in: Hinter allen Worten, Frankfurt/Main 1992 - Alle Rechte der Texte von Rose Ausländer bei S.Fischer Verlag GmbH, 60596 Frankfurt am Main. Verwendung und Abdruck der Texabschnitte von Rose Ausländer mit freundlicher Genehmigung des S.Fischer Verlages]
Kommentar:
Das Gloria der Missa hebraica für Vokalensemble, Sopran- und Bariton-Solo verbindet hebräische Texte aus dem Hohelied (Cantcum Canticorum), dem Buch Hiob und den Psalmen mit zeitgenössischer Lyrik von Rose Ausländer und Elie Wiesel.
Charakteristisch für die Textkonzeption und so auch für die musikalische Gestaltung sind das Gegeneinander und die Annäherung von “oben und unten”, von Himmel und Erde. So wird am Anfang dem Jubelgesang aus dem Hohelied die Ferne und Größe Gottes durch ein Hiob-Wort gegenübergestellt. Andererseits wird dem Schrecken, der in den Hohelied-Bildern anklingt, die in Psalmversen ausgedrückte Zuwendung Gottes zugeordnet.
Die deutschsprachigen Texte von Rose Ausländer und Elie Wiesel verknüpfen die alten Bilder und Gedanken in ähnlichen Entgegensetzungen mit denen unserer Zeit. (1999)
Credo der Missa hebraica (1994/2001)
Text (kursiv gedruckte Text werden hebräisch gesungen):
Ich lasse dich nicht,
du segnest mich denn.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.
Zugrund - das heisst zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiss ich jetzt, und ich bin unverloren. [Ingeborg Bachmann, Auszug aus: Böhmen liegt am Meer, Gesammelte Werke Bd. 1, Gedichte - © Piper Verlag GmbH, München 1978. Verwendung des Textabschnittes mit freundlicher Genehmigung des Verlages Piper]
Kommentar:
Das Credo ist der älteste Satz der Missa hebraica. Er wurde 1994 für das Vocalensemble Kassel am Beginn unserer Zusammenarbeit geschrieben und am 11. 9. 1994 unter dem Titel “engelwärts” im Einführungsgottesdienst in der Martinskirche Kassel uraufgeführt.
Jakob ringt am Jabbok auf Leben und Tod. Der zitierte Satz Genesis 32,27 ist der Kern einer der tiefsten Gründungserzählungen des Alten Testamentes. In der Komposition geschieht an dem hebräischen Textmaterial das, was “zur Sprache gebracht” wird: Kampf (mit wem?) – Krise (Furt) – Gewinnung des anderen Ufers, versehrt, (aus-)gezeichnet.
Sprache gerät in die Enge (Vorstellung eines gurgelnden Strudels in einem immer enger werdenden Trichter), die Silben der ersten Satzhälfte werden an den Rand gewaltsamen Verstummens geführt. Aus diesem Punkt heraus finden sich die Laute der zweiten Satzhälfte zu neuer Bedeutung zusammen.
Der Text von Ingeborg Bachmann tastet nach Grund, nach Gewißheit. –
Ein Glaubensbekenntnis unserer Zeit? (1994)
Sanctus der Missa hebraica (2001)
Text (kursiv gedruckte Texte werden hebräisch gesungen):
I. Ensemble
Heilig / der Herr der Heere, (Jes 6,3b)
erfüllt ist die ganze Erde / seiner Herrlichkeit.
Und es wankten / die Angeln der Türschwellen (Jes 6,4)
von der Stimme / des Rufenden,
und das Haus / wurde erfüllt mit / Rauch.
II. Solisten und Ensemble
Und ich sprach: (Jes 6,5a)
Weh mir, / denn ich werde vernichtet.
Und es flog zu mir / einer der Seraphen (Jes 6,8)
und in seiner Hand / ein Glühstein
mit einer Zange / hatte er ihn genommen
von dem Altar
und er rührte / an meinen Mund. (Jes 6,7a)
III. Solisten und Ensemble
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: Ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn
Und er sprach: (Jes 6,9)
Geh und sprich / zu diesem Volk:
Hört immer / doch versteht nicht.
und seht immer / doch erkennt nicht.
Überziehe mit Fett / das Herz dieses Volkes (Jes 6,10)
und seine Ohren / mache schwer
und seine Augen / verklebe
damit es nicht sehe / mit seinen Augen
und mit seinen Ohren höre
und sein Herz / Einsicht gewinne
und man es heilt.
IV. Solisten und Ensemble
das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang,
den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich. [Rainer Maria Rilke, 1. Duineser Elegie]
Und es rief / dieser zu diesem (Jes 6,3a)
und er sagte:
Heilig, heilig, heilig ...
Kommentar:
In der Missa hebraica „wird nicht weniger versucht, als die Begegnung von Heiligem und Welt in Töne zu fassen“ (Corinna Dahlgrün). Während im Gloria die Begegnung von oben und unten, Gott und Mensch, Heiligem und Welt erfahrbar wird, markiert das Sanctus die entgegengesetzte Position: Die Unermeßlichkeit und Unverfügbarkeit, die Fremdheit des Heiligen.
Unnahbar und nicht zu begreifen ist der Gott, der in seiner großen Herrlichkeit Verstockung, Unheil und Verderben zu predigen befiehlt. Die Gottessucher am Abgrund, die Frage nach dem Warum, die Urerschütterung menschlicher Existenz: Jesaja 6 redet von einem Gott, der auf seinem gleißenden Thron, umgeben von den Seraphimen, zugleich der dunkle ist, der sich nicht erklären oder vermitteln läßt. Ein Gott, der tötet? Für den Propheten eine äußerst schmerzvolle und überwältigende Begegnung!
Das Sanctus der Missa hebraica ist mehrchörig, durchaus im Sinne der venezianischen Tradition und der Musizierpraxis des frühen 17. Jahrhunderts. Die drei Chöre sollen getrennt aufgestellt werden: I und III rechts und links auf den Emporen einander gegenüber, Chor II vorn im Altarraum, außen links Sopransolo, rechts Baritonsolo. Die Verwendung von (alten) Instrumenten ist möglich (z.B. I Holzbläser, II Posaunen, III Streicher). Der Einsatz der Orgel mag in sehr elementarem Sinne an den Generalbaß erinnern. Die drei Haupttöne C, h‘‘‘‘, cis‘ markieren den für Menschen akustisch wahrnehmbaren Raum, das musikalische Geschehen im Sinne von Nähe (Anziehung) und Ferne (Abstoßung) beeinflussend und begleitend.
Die Zeitproportionen sind Spiegelbilder räumlicher und klanglicher Verhältnisse:
- Die vier Teile der Komposition stehen – ihre Dauer betreffend – im Verhältnis 21:22:24:19.
- Das Zeitmaß von Anfang und Schluß (T. 1-15 und 171-185) wird von dem choraliter gesungenen Männerchor gesetzt (Viertel MM 54 / Halbe MM 27). Das Tempo der Soprane steht dazu im Verhältnis 4 : 5, das der Altstimmen 2 : 3, untereinander 5 : 6.
- Die Metronomangaben in den vier Teilen sind proportional aufeinander bezogen:
| I | MM 54 : 72 : 90 | = | 3 : 4 : 5 |
| II | MM 90 : 60 | = | 3 : 2 |
| MM 60 : 54 | = | 10 : 9 | |
| III | MM 60 : 72 | = | 5 : 6 |
| IV | MM 72 : 54 | = | 4 : 3 (2001) |
Agnus Dei der Missa hebraica (2003)
Text (kursiv gedruckte Texte werden hebräisch gesungen):
A. Bariton und Ensemble (TT.BB)
Und es schlachteten sie / die Priester (2 Chr 29,24a)
und sie bringen als Sündopfer /
ihr Blut zum Altar /
um Sühne zu erwirken /
für das ganze Israel.
B. Ensemble (SSS.AAA) und Bariton
Erst als der Regen entbrannte,
und es nahm Mose / (Ex 24,8)
lauschten wir wieder;
das Blut /
Speere stürzten herab und Engel traten hervor,
und er sprengte es / auf das Volk /
hefteten schwärzere Augen
und sprach:
in unsere schwarzen.
siehe, das Blut es Bundes.
Vernichtet standen wir da. Unser Wappen flog auf.
C. Ensemble (SSS.AAA.TTT.BBB)
Aber er ist durchbohrt / (Jes 53,5)
wegen unseres Frevels /
ist zerschlagen /
wegen unserer Sünden.
D. Bariton und Ensemble (S.A.T.B)
Ein Kreuz im Blut
Die Züchtigung /
unseres Heilseins /
auf ihn.
und ein grösseres Schiff überm Herzen. [Ingeborg Bachmann, Auszug aus: Die Häfen waren geöffnet, Gesammelte Werke Bd. 1, Gedichte - © Piper Verlag GmbH, München 1978. Verwendung des Textabschnittes mit freundlicher Genehmigung des Verlages Piper]
Kommentar:
Das Agnus Dei zeigt eine andere, dem Menschen zugewandte Seite Gottes... Auch diese Seite enthält dunkle Anteile, doch zeichnen sie sich durch die nun sichtbar werdende Berührbarkeit Gottes aus, der sich von einem unendlich machtvollen und unnahbaren Gegenüber zu einem unendlich ohnmächtigen und nahekommenden Gegenüber wandelt, das aber gerade in dieser Ohnmacht, im vergossenen Blut große Wirksamkeit entfaltet. (Corinna Dahlgrün)
Frauen- und Männerstimmenstimmen des Ensembles sind zunächst getrennt. Zwischen ihnen steht der Solist (Bariton).
Protokoll:
Schroffe ff-Impulse der Männer gegen zarte, dichte pp-Klänge, korrespondierend mit Intonationen des Solisten, sich steigernd zur siebentönigen Akklamation (2 Chr 29,4a)
Sechsstimmiger Frauenchor, fließend, intensiv, 12/8 (9/8)-Takt, Auffächerung der ersten Zeilen des Bachmann-Textes, gegengeschnitten durch taktfreie, expressive Einschübe des Solisten (Ex 24,8).
Ensemble: Von dem Ton es‘ (Kyrie, Schlussteil) ausgehend rhythmisch differenzierte (Sanctus, Anfang/Schluss) Auffächerung zum Zwölftonklang, Eingriffe in Dynamik und Klangfarbe. Generalpause. (Jes 53,5a)
Erneuter Einsatz des Ensembles, quasi battuto, einmündend in eine erstarrende Geste (Jes 53,5b)
Ausklang: sehr ruhig / wie eine Ikone. Der Solist gestaltet die Schlusszeile des Bachmann-Textes (Kreuzsymbol), das Ensemble schließt mit einem Klangzitat aus dem Gloria (Jes 53,5c). (2003)
Dona nobis der Missa hebraica (2004)
Text (kursiv gedruckte Texte werden hebräisch gesungen):
A. Ensemble (S.A.T.B) und Sopransolo
Und siehe Wasser (Ez 47,1)
hervorgehend unter der Schwelle
des Tempels nach Osten;
und es wird gesund werden (Ez 47,9b)
und leben alles /
wohin dieser Strom kommt.
B. Soli und Ensemble (S.A.T.B)
Und ich will ihnen geben (Ez 11,19)
ein anderes Herz
und einen neuen Geist in ihr Inneres
Da fiel mir Leben zu.
und will wegnehmen
das Herz des Steines
aus ihrem Fleisch.
und ihnen ein fleischernes Herz geben.
Da fiel mir Leben zu.
Und das Schwache (Ez 34,16b)
will ich kräftigen,
und das Fette und das Starke
will ich behüten / vernichten. (zwei Lesarten)
Da fiel mir Leben zu. [Ingeborg Bachmann, Auszug aus: Die Häfen waren geöffnet, Gesammelte Werke Bd. 1, Gedichte - © Piper Verlag GmbH, München 1978. Verwendung des Textabschnittes mit freundlicher Genehmigung des Verlages Piper]
C. Ensemble (SS.A.T.BB)
Und die Erde leuchtete (Ez 43,2b)
von seiner Herrlichkeit Ehre.
Kommentar:
Mit dem Dona nobis galt es, den Schlußstein in ein über Jahre gewachsenes Werk zu setzen. Alles Vorherige müßte gegenwärtig sein und sich wiederfinden; dennoch sollte der Schlußsatz von der Besetzung und vom Charakter her unverwechselbar anderes sein. Die Frage war: Wie lassen sich Steigerung und Konzentration (im Sinne von Reduktion) zusammenbringen?
Hesekiel beschreibt Lebensbilder angesichts von Zerstörung und Untergang; es sind „Visionen gegen die Zeit“, Visionen, die Raum und Zeit hinter sich gelassen haben, Visionen von einem Neubeginn wider alles Erwarten. Diese Bilder stehen für das Ende aller Gotteskämpfe, jenseits von Lebensleid und Lebenslust. Das Dona nobis ist die Missa als Ganzes, konzentriert auf einen Punkt, auf ihr Ziel.
Es gibt einen Anfangs- und Schlußteil, der – bis auf das erste Sopransolo – von Orgel und Ensemble gestaltet wird. Der Mittelteil ist dreiteilig, drei kontrapunktisch diffizile Duette für Sopran- und Baritonsolo mit Orgel werden jeweils abgeschlossen durch Ensemble-Refrains (Bachmann: Da fiel mir Leben zu). (2005)
O Heiland, reiß die Himmel auf
Textzusammenstellung: Prof. Dr. Corinna Dahlgrün
Nr. 1 – Chor (Choral)
O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
Nr. 2 – Solo (Choral)
O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus,
den König über Jakobs Haus.
Nr. 3 – Chor und Solo (Motette I)
Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf,
dass die Kinder Gottes offenbar werden.
Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung
bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst,
die wir den Geist der Erstlingsgabe haben,
seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft,
der Erlösung unseres Leibes.
Nr. 4 – Männerchor (Choral)
O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.
Nr. 5 – Chor und Solo (Motette II)
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Es ist ja die Schöpfung unterworfen der Vergänglichkeit –
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung;
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit
komm, tröst uns hier im Jammertal.
zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Nr. 6 – Frauenchor (Choral)
O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.
Nr. 7 – Chor und Solo (Motette III)
Hier leiden wir / die größte Not,
Denn / ich halte dafür,
vor Augen steht / der ewig Tod.
dass / dieser Zeit Leiden
Ach komm, führ uns mit starker Hand
der Herrlichkeit nicht wert sei,
vom Elend zu dem Vaterland.
die an uns soll offenbart werden.
Cantilena (Solo)
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.
Nr. 8 – Chor (Choral)
Da wollen wir all danken dir,
unserm Erlöser, für und für;
da wollen wir all loben dich
zu aller Zeit und ewiglich.
Quellen:
Choral: Gotteslob Nr. 105, Evangelisches Gesangbuch Nr. 7; Text Friedrich Spee 1622, Str. 7 bei David Gregor Corner 1631, Melodie: Köln 1638, Augsburg 1666 / Verse aus dem Römerbrief des Paulus: Kap. 8,19.22.23; 8,20.2; 8,18 / Liturgie (Cantilena)
Kommentar
Wenn ich mir einen Paten für meine neue Motette „O Heiland, reiß die Himmel auf“ suchen dürfte, so würde ich ganz unbescheiden Bachs unvergleichliche Choralmotette „Jesu, meine Freude“ wählen. Beide Choräle - der eine im katholischen, der andere im protestantisch-lutherischen Umfeld beheimatet – sind durchtränkt von den schrecklichen Erfahrungen des großen Krieges zwischen den beiden konfessionellen Lagern in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beide sind Sehnsuchts-Choräle: „O komm, ach komm vom höchsten Saal, / komm, tröst uns hier im Jammertal“ der eine, „Ach wie lang, ach lange / ist dem Herzen bange / und verlangt nach dir“ der andere.
Den Choraltexten werden in beiden Motetten Worte des Apostels Paulus entgegengestellt, die den Erfahrungshorizont der Choraltexte erweitern und in einen größeren Zusammenhang stellen, sie theologisch vertiefen und Wege aus Klage, Sorge und Sehnsucht heraus weisen: „Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ / „Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig machet in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ Bach verwendet aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes die Verse 1-2 und 9-11, in meiner Motette sind es die Verse 18-23.
Die Vergangenheit steht uns weder theologisch noch musikalisch (noch in jedweder anderer Beziehung) ungebrochen zur Verfügung. Die lebenslange Definition und Infragestellung der eigenen Position im Bewußtsein gelebter Zeitgenossenschaft und im Spannungsfeld von Tradition und der Verantwortung für die Zukunft erzwingen Distanz und schaffen hie und da Nähe. Fragen des Kontrapunkts, der Form, des Umgangs mit dem Choral, der Beziehung von Rhythmus und Klang, von Theologie und Musik -, was haben wir heute dazu beizutragen?
Hans Darmstadt, 21. März 2008
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